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Ksenia in Erfurt






Erste Eindrücke über Erfurt

Ein Bericht von unserer russischen Praktikantin Ksenia (rechts im Bild) aus Sant Petersburg, August 2011

 

Erfurt, das ist überhaupt kein Dschungel aus Stein, sondern ein echtes Königreich der Natur. Als ich an meinem allerersten Morgen in Thüringen aufgewacht bin, ging ich auf die Straße und fühlte das erstaunlich zarte und süßliche Aromat der Gräser und Blumen.

Nach einigen Schritten erblickte ich ein großes Mohnfeld. Die verführerische purpurrote Farbe der wunderbaren Blumen, die frische und saubere Luft: all das ist so untypisch für eine Stadt. Das Herz des Einwohners einer Millionenstadt können im Prinzip nur zarte Schöpfungen des besten Architekten, der Natur, beeindrucken.

Mir scheint, dass Menschen Städte nicht nur mit Sehenswürdigkeiten, sondern auch mit Gerüchen assoziieren. Das warme, würzige Aroma von Kuchen und frischen Brötchen ist es, was den Passanten auf seinen Wegen hier begleitet. Man sagt, dass jede Stadt ihr spezielles Wort hat, was sie beschreibt. Und mir scheint, dass es im Falle von Erfurt das Wort "süß" ist. Süße Gerüche greller und saftiger Blumen, der süße Geruch von goldgelben, appetitlichen Brötchen, und um das Bild zu vervollständigen, fast spielzeughafter Lebkuchenhäuser, die man aus irgendeinem Grunde gleich mal probieren will. Grundsätzlich deutet alles in dieser Stadt darauf hin, dass man den Weg mit einem Fruchteis in Schokoglasur fortsetzen sollte. Um die Idylle abzurunden, spielen buchstäblich an jeder Ecke moderne Bremer Musikanten. Ungewöhnlich, aber wahr: Man kann in den Straßen eines kleinen deutschen Städtchens, das mitten im Herzen Deutschlands liegt, oft verspielte russische Folklore hören. Scheinbar reicht es den berechnenden Deutschen nicht an russischer Romantik.

Neben allen möglichen Fruchtbonbons, Törtchen und Küchlein bietet Erfurt auch noch ein süßes Leben. Das ist im wahrsten Sinne ein Paradies für den, der im Leben schon alles erreicht hat, was er wollte und nun in aller Ruhe mit einem gutmütigen großen Hund spazieren geht. Oder für den, der noch nicht weiß, was ihm im Leben zu tun bevorsteht und der noch keinerlei Sorgen hat. Also ist es zunächst einmal eine Stadt für Kinder und Alte. Genau sie brauchen die Fürsorge des Staates. Was die jungen und aktiven Vertreter des Volkes angeht, so sind sie mir selbstverständlicher Weise auch untergekommen. Nur waren sie damit beschäftigt, all ihre Kraft und Anstrengungen in den Aufbau eines einfachen irdischen Glücks zu stecken, so schien es mir.

So viele verliebte Pärchen mit Kindern völlig verschiedenen Alters, angefangen bei sehr jungen bis hin zu graumelierten sympathischen Rentnern, habe ich lange nicht gesehen. Das ist eine Stadt glücklicher Familienliebe. Hier sind Harmonie und seelisches Gleichgewicht wichtiger als irgendwelche überzogenen Ambitionen. Jeder hat alles, was man für ein maßvolles, einfaches Leben benötigt. Hier braucht man keine Autos der Premiumklasse, hohe Absätze, Kleider a la Gucci und Anzüge von Hugo Boss & Co. Das ist nicht der beste Ort für die, die reich und berühmt werden wollen. Aber dafür ist es ein Paradies für Leute, für die materielle Werte, Ruhm und der Drang nach Karriere eher eine sinnlose Zeitverschwendung darstellen.

Jeder Mensch entscheidet selbst, wo er leben will und was er mit seinem Schicksal anfängt. Aber jeder von uns, sogar der, der um die Verwirklichung seiner Wünsche kämpft und sein Leben dem Ziel widmet, sich auf eine möglichst hohe Stufe auf der Karriereleiter zu stellen, kommt früher oder später zur Erkenntnis, dass nichts wichtiger ist, als im Alter für jemanden da zu sein, für diesen ergrauten Ehemann, lebhafte Enkel oder den so geliebten Hund im Hause oder allgemein für die Gesellschaft.

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Letzte Aktualisierung: 10.10.2011